Jun 23, 2016

Gepostet von in Menschen | Keine Kommentare

Kennst Du Rosa Barba?

Kennst Du Rosa Barba?

Die in Agrigent geborene, in Berlin arbeitende Künstlerin Rosa Barba lotet mit ihrem charakteristischen konzeptionellen Ansatz das Medium Film aus. Dabei geht sie bis an die Gattungsgrenzen, wenn sie sowohl im Medium, mit ihren Projektorinstallationen, als auch inhaltlich und formal in ihren Filmen auf skulpturale Gestaltungsprinzipien zurückgreift. Auch in den Arbeiten der zweiteiligen Ausstellung „Time as Perspective“ (6. Juni bis 9. September 2012 im Kunsthaus Zürich und 2. Februar bis 17. März 2013 in der Bergen Kunsthall) näherte sich die Künstlerin dem Thema Zeit aus innovativer Perspektive. So visualisiert sie Zeit nicht als Strahl, sondern vielmehr als geschichteten Block, dessen Betrachtung verschiedene Blickpunkte zulässt.

Künstlerin der Zeit

Das Ausstellungskonzept griff diesen Gedanken auf, indem die Präsentation der neuen Arbeiten auf das Kunsthaus Zürich und die Bergen Kunsthall verteilt wurde und sich Barbas Werke untereinander, aber auch zu den Beständen der jeweiligen Dauerausstellungen und über Raum und Zeit hinweg aufeinander beziehen konnten. Auch der Katalog folgt diesem Ansatz mit einer gefächerten Gliederung aus Interview, Illustration und Essays. Im Mittelpunkt der Publikation stehen große, aus außergewöhnlichen Perspektiven aufgenommene Installationsansichten und Filmstills, die die Lust am Durchblättern wecken. Den theoretischen Einstieg bildet ein Interview, das Mirjam Varadinis und Solveig Øvstebø, die Kuratoren der Ausstellungen in Zürich und Bergen, mit der Künstlerin führten. Besonders hervorgehoben ist der 12 Minuten lange, 35-mm Film „Time as Perspective“, der arbeitende Ölpumpen in einer texanischen Wüstenlandschaft zeigt. Das Interview klärt, wie Barba, ausgehend von Filmgegenstand, Einstellung und Bild verschiedene Zugänge zum Thema Zeit findet. So wirken die in ihrer monotonen Bewegung festgehaltenen Ölpumpen wie riesige Metronome, die die Zeit takten. Gleichzeitig können sie als Zeitzeugen der vergehenden Ära fossiler Brennstoffe gesehen werden.

Neben diesem eher klassischen Film kommen auch andere Techniken zur Sprache. „Boundaries of Consumption“ ist eine ihrer skulpturalen Fiminstallationen. Für diese Arbeit richtete Barba einen Filmprojektor auf eine Wand.  Zwischen Projektor und Wand legte sie einen Stapel Filmdosen, auf dem sie zwei Metallkugeln befestigte. Durch diese Dosen wurde der blanke Filmstreifen geführt. Indem sich der Filmstreifen beim Abspielen immer weiter abnutzt, dokumentiert Barba die vergehende Zeit. „Space-Length Thought“ füllt den Ausstellungsraum während der Filmprojektion langsam mit einem Text auf Zelluloid. „Color Clocks“ arbeitet mit kinetischen Objekten. Das Interview bietet einen umfassenden Einblick in die neuen Arbeiten der Videokünstlerin und klärt im Rückgriff auf ältere Werke auch Fragen zu Technik und Arbeitsweisen, wie der Rolle von Rhythmus und Sprache, dem Einsatz von Maschinen und der Bedeutung von Abstraktion oder Land Art.

film“I mostly view official history and ‘truth’ critically and try to create an inconsistency with my work that doesn’t support the lie of hierarchical, imposed perfection” – Auch im zweiten Teil bleibt die Publikation diesem Credo der Künstlerin treu. In einem pluralistischen Ansatz thematisieren Haroun Farocki, Ingrid Wiener, Laurie Anderson und Giovanni P. Ricciardi in Essays die Arbeit der Künstlerin mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Textarten. Während Laurie Anderson beispielsweise den Zugang über die Analogie zu einer biografischen Anekdote wählt, nähert sich Farocki aus der Perspektive eines Filmexperten – der Wissenschaftler Giovanni P. Ricciardi wirft mit seinem Beitrag einen historischen Blick auf das Konzept Zeit. Es werden keine abgeschlossenen Interpretationen vorgesetzt: erst die Zusammenschau der verschiedenen offen gehaltenen Perspektiven macht das Buch zu einem spannenden Kunst- und Leseerlebnis.